Am 29. Oktober 2015 publizierte Putin seinen Erlaß "Über die Schaffung der Allrußländischen gesellschaftlich-staatlichen Kinder- und Jugendorganisation 'Russische Schülerbewegung'" (nachzulesen hier). Während andere Erlasse nur Teil der Medienarbeit sind und nach ihrer Verkündung umgehend vergessen werden, gelangte dieser zur Ausführung. Die "Bewegung" wurde gegründet und präsentiert sich mit eigener Internetseite. Zweck der "Bewegung" ist die "patriotische Erziehung" und "Selbstverwirklichung" der Schüler auf der Grundlage der "der rußländischen Gesellschaft eigenen Werte".
Regionale Abteilungen entstehen, wobei die Leitungspositionen der Regionalabteilungen nicht von den Mitgliedern gewählt, sondern von Moskau bestimmt werden. Die "Bewegung" ist der staatlichen Einrichtung "Rußländisches Kinder- und Jugendzentrum" unterstellt, welcher für den Aufbau der "Bewegung" die nötigen Finanz- und Sachmittel zur Verfügung gestellt werden.
Kennzeichen der "Bewegung" sind das rote Halstuch und der Wahlspruch „Immer bereit“, der sämtlichen Schülern der Sowjetunion und der DDR vertraut ist: Das waren die Hauptzeichen der Pionierorganisationen beider Länder, womit auch auf symbolischer Ebene klar wird, welche Tradition hier fortgesetzt wird - die des Totalitarismus, der bereits kleine Kinder erfassen und bearbeiten will.
kasparov.ru 17.06.2016
Freitag, 17. Juni 2016
Dienstag, 12. April 2016
Those were the days
Höchst interessant: Die Geschichte des Liedes "Дорогой длинною", das Paul McCartney 1968 in der englischen Fassung für Mary Hopkin produzierte, von Andrej Schipilow auf kasparov.ru am 11.04.2016.
Mittwoch, 30. März 2016
Putins Rußland: Flugzeugabstürze
In Rußland stürzen so regelmäßig Flugzeuge ab, daß es sich lohnt, ein Verzeichnis dazu anzulegen und regelmäßig zu ergänzen.
- 04.06.2015 MiG-29 (Jagdflugzeug), bei Astrachan, Rettung der Besatzung durch Schleudersitz
- 14.07.2015 Tu-95 (Bombenflugzeug), Chabarowskij Kraj, Rettung der Besatzung
- 25.01.2016 MiG-31 (Jagdflugzeug), Krasnojarskij Kraj, Rettung der Piloten durch Schleudersitz
- 19.03.2016 Boeing 737-800 (Zivilflugzeug), Rostow a. D., Tod aller 62 Passagiere und Besatzungsmitglieder
- 30.03.2016 Su-25 (Kampfflugzeug), Primorskij Kraj, Rettung des Piloten durch Schleudersitz, Absturz auf Dorf, Zerstörung landwirtschaftlicher Gebäude, kein Personenschaden
- 09.06.2016 Su-27 (Jagdflugzeug), Moskauer Oblastj, Tod des Piloten, Absturz im Wald
- 01.07.2016 IL-76 (Transportflugzeug), Irkutsker Oblastj, Tod aller 10 Besatzungsmitglieder
- 25.12.2016 Tu-154 (Verkehrsflugzeug), über dem Schwarzen Meer, Tod aller 83 Passagiere (u. a. Propagandisten und Musiker) und 8 Besatzungsmitglieder
- 11.02.2018 An-148 (Verkehrsflugzeug der Gesellschaft "Saratower Airlines"), bei Moskau, Tod aller 65 Passagiere und 6 Besatzungsmitglieder
Dienstag, 23. Februar 2016
Deutsche Deppen: Berliner Zeitung
Die Berliner Zeitung wird ihrem Ruf als gute Stütze des Putin-Regimes in Deutschland erneut voll gerecht. In der Ausgabe vom 23.02.2016 schreibt sie ganz oben auf Seite 3 in einer Reportage aus dem lettischen Daugavpils über die Bedrohung, die Rußland für Lettland darstellt: "Die russischsprachige Bevölkerungsgruppe gibt es hier schon länger als den lettischen Staat." Typische Putin-Propaganda: Fakten so auszuwählen und zu plazieren, daß sie den Interessen des russischen Regimes nutzen. Im Text ist dann noch von "Kriegserklärung gegen ein Fünftel der eigenen Bevölkerung" die Rede. Interessant wäre doch, ob die Berliner Zeitung genauso drucken würde: "Die deutschsprachige Bevölkerungsgruppe gab es 1938 im Sudetengebiet schon länger als den tschechoslowakischen Staat."
Sonntag, 21. Februar 2016
Umberto Eco: Urfaschismus
Bei einer Vorlesung an der Columbia University, New York, am 24.04.1995 anläßlich des 50. Jahrestages des Endes des 2. Weltkriegs führte der italienische Schriftsteller Umberto Eco 14 Punkte aus, die aus seiner Sicht den "Urfaschismus" kennzeichnen.
Die englische Fassung ist hier zu finden. Eine deutsche, gekürzte Übersetzung von Ecos Vorlesung wurde in der Zeit vom 07.07.1995 publiziert.
- Traditionskult.
- Ablehnung der Moderne - nicht moderner Technik, wohl aber modernen Denkens und moderner Werte.
- Mißtrauen gegenüber dem Intellekt und dem Denken; Kult der Aktion um der Aktion willen.
- Differenzierung wird als Verrat betrachtet.
- Ablehnung von Fremden und Fremdem; Grundveranlagung zum Rassismus.
- Appell an die enttäuschte Mittelklasse angesichts einer Wirtschaftskrise.
- Mythos, das Land sei von Feinden umgeben.
- Feinde werden gleichzeitig als stark (Gefahr!) und schwach (aber wir werden sie besiegen!) dargestellt.
- Leben ist Kampf, Pazifismus ist dementsprechend Verrat.
- Doppeltes Elitebewußtsein: Einerseits lebt jeder Bürger im besten Land der Welt, ist Teil des besten Volkes der Welt, andererseits führt die starke Hierarchisierung durch das Führerprinzip zu einem Elitebewußtsein, das die Bewunderung der Höhergestellten und Verachtung der Niedrigergestellten nach sich zieht.
- Heroisierung des Todes und Geringschätzung des Lebens der Untergebenen.
- Ablehnung der Gleichberechtigung der Frau, Verfolgung sexueller Minderheiten, Heroisierung der Waffe.
- Legitimität geht nicht mehr von einem Parlament, sondern von einem Führer aus.
- Vereinfachung der Sprache in Vokabular und Grammatik.
Die englische Fassung ist hier zu finden. Eine deutsche, gekürzte Übersetzung von Ecos Vorlesung wurde in der Zeit vom 07.07.1995 publiziert.
Donnerstag, 21. Januar 2016
Putins St. Petersburg
Der Journalist Dmitri Sapolski spricht in einer Interviewserie mit der Internetseite Russischer Monitor (rusmonitor.com) sehr ausführlich über Putins Jahre im Machtapparat in St. Petersburg während der frühen und mittleren 1990er Jahre. Besonders gut wird das Geflecht von Stadtverwaltung, Sicherheitskräften und organisierter Kriminalität sichtbar, in das Putin wie auch alle anderen damals Beteiligten eingebunden waren. Ein Großteil der Personen, die heute einflußreiche Positionen auf Bundesebene innehaben, tummelten sich damals schon in Putins Umgebung: Tschubais, Iwanow, Setschin, Tschurow, Miller, Medwedjew und viele andere.
29.12.2015 Teil 1
11.01.2016 Teil 2 (besonders interessant)
19.01.2016 Teil 3
29.12.2015 Teil 1
11.01.2016 Teil 2 (besonders interessant)
19.01.2016 Teil 3
Donnerstag, 31. Dezember 2015
Putins Rußland: 2015
- 15.02.2015 Minsk II: Die erneute Kapitulation des Westens vor Putin mit Verrat an der Ukraine, entsprechend der Tradition des Münchener Abkommens von 1938.
- 15.-18.02.2015 Eroberung der ukrainischen Stadt Debalzewo durch russisch-terroristische Einheiten entgegen dem gerade geschlossenen Abkommen Minsk II: Eine Reaktion des Westens blieb, wie nicht anders zu erwarten, aus.
- 27.02.2015 Ermordung des Oppositionspolitikers Boris Nemzow direkt vor dem Kreml: Falls der Auftrag für den Mord nicht direkt aus dem Kreml kam, so machte sich der Kreml dadurch mitschuldig, daß er die Mörder unbehelligt ließ.
- 11.03.2015 Internationales Russisches Konservatives Forum: Unter diesem Tarnnamen treffen sich in St. Petersburg auf Einladung des Putin-Regimes die führenden Rechtsextremen einer Vielzahl europäischer Länder, darunter auch Vertreter der NPD.
- 30.09.2015 Beginn des russischen Kriegseinsatzes in Syrien: Rußland will sowohl seinen Verbündeten Assad stärken als auch den Westen zu neuen Gesprächen manipulieren. Die Manipulation des Westens gelingt wie immer ausgezeichnet. Ungeachtet dessen, daß Rußland alles Mögliche mit Ausnahme des IS bombardiert (also Zivilbevölkerung, Lebensmittelmärkte, Krankenhäuser, moderate Assad-Gegner), wird es von westlichen Politikern als "Verbündeter" im Kampf gegen den IS anerkannt.
- 22.11.2015 Energie-Blackout auf der Krim: Nachdem die Ukraine die Energielieferung in die von Rußland besetzte Krim eingestellt hatte (welcher Staat liefert schon dauerhaft Strom an den Kriegsgegner?), erwies sich, daß Rußland in den mehr als anderthalb Jahren der Okkupation noch keinerlei Schritte zur eigenständigen Energieversorgung der Halbinsel unternommen hatte. Bis Jahresende blieb die Stromversorgung prekär. Auch Krankenhäuser waren betroffen, lediglich die Einrichtungen der Sicherheitsdienste und Besatzungsarmee blieben gut versorgt. - Der Westen reagiert wie immer: Nicht auf den Aggressor und Okkupanten Rußland wurde Druck ausgeübt, sondern auf den Schwächeren, die Ukraine, damit sie die Stromversorgung an den Kriegsgegner wieder aufnehme.
- 24.11.2015 Abschuß eines russischen Kriegsflugzeugs über türkischem Luftraum: Bei ihren Terroreinsätzen, die sich unter anderem gegen die in Syrien lebenden Türken richten, verletzten russische Kriegsflugzeuge wiederholt türkischen Luftraum. Alle Proteste der Türkei bleiben ohne Wirkung auf das russische Verhalten. Im Unterschied zu den anderen NATO-Staaten, deren Luftraum auch wiederholt von russischen Flugzeugen verletzt wurde, beläßt es die Türkei nicht bei Worten, sondern verleiht ihnen schließlich durch den Abschuß Nachdruck. Rußland gibt sich furchtbar beleidigt und verhängt, wie so gern, Sanktionen gegen sich selbst: Russen dürfen nicht mehr in der Türkei Urlaub machen, türkische Lebensmittel dürfen nicht mehr nach Rußland eingeführt werden, was der Inflation weiteren Auftrieb verleiht, und türkischen Firmen wird die Tätigkeit in Rußland untersagt. In der Folge bricht ein ganzer Wirtschaftszweig - die Tourismusindustrie - zusammen. Auch sonst gehen zehntausende Arbeitsplätze in Rußland verloren. Der Westen reagiert, wie nicht anders zu erwarten, so gut wie gar nicht auf die russische Aggression.
- 01.12.2015 Tschajka-Enthüllungen: Die Stiftung für den Kampf gegen die Korruption legte die Ergebnisse gründlicher Forschungen vor und wies nach, daß die Familie des russischen Generalstaatsanwalts Juri Tschajka engste Verbindungen mit der organisierten Kriminalität (Zapok-Bande) unterhält. Die russische Regierung ignoriert die Enthüllungen. Die Klagen der Stiftung gegen Tschajka werden von russischen Gerichten nicht zur Verhandlung angenommen.
- Dezember 2015 ВЭБ vor dem Bankrott: Die Außenwirtschaftsbank (Внеш Эконом Банк) kann die fällig werdenden Auslandsschulden in Höhe von insgesamt 6 Milliarden US-Dollar nicht mehr aus eigener Kraft zurückzahlen. In diese Situation kam die Bank, weil sie von der Regierung seit Jahren als Müllhalde für toxische Werte, für die Vergabe von höchstkritischen Olympiakrediten, für die Übernahme nicht rettbarer Privatbanken und - bis Anfang 2014 - für die verdeckte Übernahme ukrainischer Unternehmen im Donbass verwendet wurde. Diese riesigen Verluste akkumulierten sich und ließen sich nicht länger verstecken, zumal die ВЭБ auf der Sanktionsliste des Westens steht und keine neuen Kredite von dort erhalten kann. Die russische Regierung hat beschlossen, die Bank vorerst durch die Finanzierung jeweils aktuell fällig werdender Verbindlichkeiten aus Steuermitteln in der bisherigen Form am Leben zu erhalten. (Die Bank war auch schon 2014 in jämmerlichem Zustand und wurde bereits damals staatlich gestützt - siehe Sergej Alexaschenko, 24.09.2014. Seitdem hat sich der Umfang der schwierigen Verbindlichkeiten vervielfacht.)
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